Kleine Koffer. 14 kurze Geschichten

Die Scheu ablegen

Am Anfang einer Schreibwerkstatt schreiben die Teilnehmenden kurze Texte. Ausgehend von Reizwörtern, Märchentiteln, fünf vorge- gebenen Wörtern, die im Text vorkommen müssen, und anderen Fingerübungen formulieren sie ihren ersten, ihren zweiten, ihren dritten Text. Irgendwann am ersten Kursvormittag folgt dann die Aufgabe, etwas Selbstgeschrie- benes vorzulesen. Dabei zeigt sich bei fast allen ein Gefühl, das es zu überwinden gilt: die Scheu.

Natürlich ist es allen freigestellt, ob sie ihren Text vorlesen, aber die Scheu zeigt sich trotzdem jedesmal von neuem. Es ist wohl nicht so sehr die Angst sich zu offenbaren als vielmehr der Respekt vor der Aufgabe, ein Resultat zu präsentieren, vor den Anderen – und damit vor sich selbst.

Zum eigenen Text zu stehen, so wie sich einst Pontius Pilatus vor die  protestierenden Juden stellte und bekannte: «Quod scripsi, scripsi – was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.» Als ich dann – in der 2. Werkstatt – anspruchs-vollere Aufgaben stellte, war ich überrascht, dass es allen im ersten Anlauf gelang, eine Geschichte mit einem Aufbau, einer Handlung mit Figuren und in einem glaubhaften Umfeld zu schreiben. Die Messlatte lag hoch, eine Geschichte mit wenigstens 3500 Wörtern sollte es sein. Diesem Druck haben die Teilnehmerinnen dieses Kurses standgehalten, ja, mehr noch, sie haben am Druck ihr sprachliches Selbstbewusstsein weiterentwickelt. Für mich ist das nicht besonders angenehm – denn plötzlich werden meine Korrekturvorschläge kritisiert, ja sogar schlichtweg abgelehnt. Mit der Zeit wird mir dann jeweils klar, was diese Ablehnung bedeutet: Sie zeigt, dass die Schreibenden ein Gefühl für ihre eigene Sprache entwickelt haben und damit ein sprachliches Selbstbewusstsein. Sie gehen den Schritt von der Schriftstellerin, welche für andere Schriften erstellt, zur Autorin, welche die «auctoritas», also die Autorschaft und damit die Autorität über den eigenen Text ausübt.

Dass wir diese Texte nun in Form eines Buches präsentieren können, ist ein Glücksfall. Da die ibW ihr 20-jähriges Bestehen feiert, finanzierte sie die Herausgabe der Texte und schuf für sich und die AutorInnen ein einmaliges Jubiläumsgeschenk. Dafür danke ich – im Namen aller. Natürlich bin ich überzeugt, dass diese Sammlung von Geschichten über das Zur-Schau-Stellen von Kursresultaten hinausgeht. Diese Texte haben es mehr als verdient, gelesen zu werden – sie sind kunstfertig und dürfen, so glaube ich, Literatur genannt werden.

Doch, wie dem auch sei, Sie halten ein aussergewöhnliches Buch in Händen. Es zeigt das breite Spektrum der Kurz- geschichte. Von der Miniatur im Stil eines Peter Bichsel, die uns auf wenigen Zeilen Tränen der Rührung in die Augen treibt, bis hin zur 40-seitigen Erzählung, die den Rahmen der Kurzgeschichte sprengt und uns ein ganzes historisches Milieu schildert, in welchem eine unmögliche und doch sehr reale Liebesgeschichte ihren Lauf nimmt – eine Geschichte, ohne die es die Autorin nicht gäbe.

Mit Scheu – also auch mit dem gebotenen Respekt – gingen wir an die Aufgabe heran. Doch jetzt, da unser Buch fertig ist und dasteht, legen wir diese Scheu ab und fragen Sie – die Lesenden – ganz selbstbewusst, was sie von unseren Texten halten. Sind wir als Schreibende nur deshalb zu zu loben, weil wir während dieser Zeit nichts Schlimmeres getan haben? Oder haben wir es geschafft, Sie zu berühren? Seien Sie ehrlich – zu sich selbst und zu uns. Denn jetzt ist es an Ihnen, die Scheu abzulegen.

Fridolin Jakober 17. März 2010

Das Buch kann über das Kontakformular bezogen werden.